6. Aktualisierung zu den Gleichnissen "Der barmherzige Samariter" und "Die Arbeiter im Weinberg"
von Kyra Mair, Martin Pongratz, Susanne Heckel und Florian Schaffer
Ich, der Obdachlose
Ich heiße Robert Bach und wohne unter der Brooklyn Bridge in New York. Ich
kam vor 10 Jahren ins Land der unbegrenzten Möglichkeirten und wollte dort ein
neues Leben anfangen. Ich bin Jude, und Nazis hatten in Deutschland mein Haus
niedergebrannt. Jetzt bin ich hier, ohne Job , ohne Heim. Ich habe keine Arbeit
gefunden und der Staat gibt mir kein Geld mehr. Nun muss ich betteln. Ich hasse
das Wort, es klingt in meinen Ohren entwürdigend und es ist entwürdigend, unter
einer Brücke zu schlafen. Zum Glück bin ich noch nicht einer Sucht verfallen,
wie Drogen, Alkohol, Zigaretten... Und
so schlürfe ich jeden Tag durch die Straßen New Yorks und suche immer noch eine
Arbeit, oder beobachte Reiche und Schöne. Manchmal bin ich auch nur müde, setze
mich irgendwo hin und halte meinen Hut hin.
Hier muss ich einfügen, dass ich den U-Bahnbereich meide, weil ich weiß,
dass dort unten jeder dritte Mensch entweder Dealer oder Rauchgiftsüchtiger
ist. Ich will nicht, wenn ich einmal in ein tiefes, schwarzes Loch der
Verwzeiflung falle, was gut sein kann,
Ecstasy, LSD, Haschisch oder anderes Teufelszeug schlucken. Und so saß
ich auch wieder einmal im Central Park und bestaunte das protzige Hotel vor
mir. Die drückende Hitze, die an diesem heißen Julitag überall lag, ließ mich eindösen.
Nur dösen, nicht schlafen! Ich hörte manchmal ein unregelmaßiges Klirren der
Geldstücke, die in meinen Hut fielen. Inzwischen konnte ich die Klänge der
verschiedenen Münzen auseinanderhalten und ich rechnete heute noch nicht einmal
50 Cents zusammen. Ein schlechter Tag! Auf einmal legte sich eine Hand auf
meine Schulter. Ich zuckte zusammen. "Wer ist das? Was will er von mir?",
dachte ich erschrocken. Ich riss die Augen auf. Zuerst sah ich gar nichts, nur
Schwärze. "Scheiß Kreislauf!", fluchte ich lautlos. Endlich erkannte
ich ein junges, männliches Gesicht vor mir. Es lächelte. Unwillkürlich strahlte
ich zurück. Der Kopf saß auf einem maßgeschneiderten Anzug und einen
Aktenkoffer hielt der Mann in der Hand. "Hallo!", sagte er und beihnahe
hätte ich auch "hallo" gerufen, doch ich besann mich eines Besseren.
"Lass mich in Ruhe!", schrie ich zurück. "Was willst Du? Ich
gehe nicht mit dir mit!" Der Mann lachte. "Keine Sorge! Ich brauche
keinen Stricher. Ich heiße Joe Kirksey und bin der Herausgeber der New York
Times." Dann machte er eine kleine Pause und lächelte wieder. "Und
ich suche einen Angestellten." Ungläubig starrte ich ihn an. Will der mich
verarschen? "Wissen Sie",
sprach er weiter, "ich hole fast alle meine Angestellten von der Straße.
Sie sind sehr gute Schreiber, weil sie den düsteren Teil des Lebens schon
erlebt haben.So schreiben sie bei leidvollen Themen nicht als Reporter, sondern
haben es in gewissem Sinne schon selbst erlebt. Sie können alles besser
nachvollziehen und schreiben mit mehr Gefühl. Natürlich achte ich schon darauf,
keinen versifften Drogenabhängigen einzustellen. Doch ich kann nicht mit
ansehen, wieviele Menschen einfach an den Obdachlosen unbarmherzig vorbeigehen.
Also erzählen sie etwas von sich!" Ich saß da wie versteinert. War das ein
Traum? Sollte ich ihm glauben? Irgendetwas war an diesem Mann, was tief in
meinem Inneren etwas auslöste. Die tiefe Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit
entbrannte in mir und ich fasste auf seltsame Weise sofort Vertrauen zu diesem
Menschen. Und so begann ich langsam zu erzählen. Von meinen Eltern,
Deutschland, meinem Medizinstudium, dass ich flließend lateinisch kann, und
schließlich, dass ich auch nebenbei geschrieben habe.E rst Berichte für
Zeitschriften, dann, während ich auf der Straße lebte, Tagebuch. Ich redete
Stunde um Stunde. Alles, was mich bedrückte, alles, was mein Herz die letzten
Jahre schwer gemacht hatte, und das war viel. Joe hörte mir schweigend zu.
Viele Stunden später hörte ich auf zu reden und traute mich nicht ihn anzusehen.
Ich dachte, er würde mich jetzt in Irrenhaus einliefern. Doch er sagte zu mir
sehr ernst und sehr bestimmt: "Robert, du bist ein Held." Mehr nicht.
Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Doch er redete weiter:
"Was du alles durchgemacht hast, da hätte ich schon längst Selbstmord
begangen oder wäre Amok gelaufen. Doch du, du weinst noch nicht mal..."
"Ich habe geweint, Joe. Oft, manchmal stundenlang. Doch vielleicht kann ich jetzt
nicht mehr weinen..." Gedankenverloren schaute ich in den blauen Himmel.
Auf einmal fühlteich mich frei. Frei! Frei von allen Sorgen, frei von all der
Erinnerung an schlimme Erlebnisse. Frei! Was für ein schönes Wort!
Zwei Wochen später fing ich in Joes Firma an zu arbeiten. Es war schön ,
und die Arbeit machte mir großen Spaß. Doch das Schönste ist, dass ich endliche
einen wirklichen Freund gefunden habe. Joe!